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Leipziger Orgelwerke

Interpret: Maude Gratton
Instrument: Silbermann-Orgel Ponitz
Label: Outhere


Auch wenn Bachs Orgelwerke heutzutage keinen Repertoirewert mehr haben können, junge OrganistInnen, die etwas auf sich halten, müssen sich doch mit Bach präsentieren. Die Ponitzer Silbermann-Orgel (1737, II/27) und der Booklettext eines so renommierten Bachkenners wie Peter Williams († 20. März 2016) sollen hier die unter dem Schutzmantel von Philippe Herreweghe produzierte CD dazu noch zusätzlich aufwerten.

Williams beschreibt das eingespielte Programm (BWV 552, 656, 528,769, 802, 665, 659, 668 und 548) wohlwollend als ein Konzertprogramm, das Bach vielleicht in Leipzig oder Dresden hätte spielen können, wo Praeludium und Fuge Choralbearbeitungen und auch eine Triosonate umrahmt hätten. Auf den Titel der CD geht er nicht ein. Das Lektorat hat bei Williams‘ Text leider auch nicht durchweg richtig hingeschaut: „als Bach noch ordentlicher liturgischer Organist war, also vor seiner Zeit in Leipzig“ soll wohl heißen Köthen.
Bei der Wiedergabe der Disposition werden die zweifache Cimbel und die Vox humana des Oberwerks, Winddruck (78 mm WS), Temperatur (heute gleichstufig) und Stimmtonhöhe (463 Hz) verschwiegen, ebenso die Registrierungen. Ein weiterer Text zur Orgel fehlt ganz, obwohl bereits die Entstehungsgeschichte mit geplanten 21 Stimmen zu einer ungewöhnlich kraftvollen Dorforgel mit 27 Stimmen von Wichtigkeit ist und das Booklet dafür noch viel Platz geboten hätte.

Hier die notwendigsten Angaben zur weiteren Orgelgeschichte:


1782 Einbau eines Glockenspiels durch Johann Wolfgang Müller, Kraftsdorf

1828 Herstellung der gleich schwebenden Temperatur durch Friedrich Wilhelm Trampeli, Adorf

1884 Einbau einer mechanischen Pedalkoppel anstelle des Bassventils durch Richard Kreutzbach, Borna

1936 Erneuerung der Pedalklaviatur und wurmstichiger Pfeifen durch Hermann Eule, Bautzen

1961/63 Freilegung und Restaurierung der originalen Gehäusefassung durch Werner Pitzschler, Crimmtitschau

1967 Arbeiten an Klaviatur, Traktur und Windladen durch Eule; Bautzen
1984 Grundlegende Restaurierung durch Eule; Bautzen

Das für den 1734 erbauten Kirchenraum der Dorf-, bzw. Gutskirche, seit 1998 Friedenskirche genannt, sehr große Ponitzer Instrument hat sich seine Ursprünglichkeit bis auf die Temperierung bewahren können, es ermöglicht viele Klangvarianten gerade im Aequalbereich, wobei die drei Pedalstimmen einen markigen Bass hergeben. Wenn auch Silbermann-Orgeln wohl nicht der Wunschtyp von Johann Sebastian Bach waren, Gratton setzt sich mit spielerisch leichter Hand an das Instrument, was die knappe Raumakustik gut verträgt, und präsentiert ihr reichlich Plenum verlangendes Bach-Programm in nüchtern zurückhaltend solider Interpretation. In Widerspruch zu Raum und Orgel gerät sie dennoch mit ihrem Programm, die gewaltigen Praeludien und Fugen in Es-Dur und e-Moll verlangen eher eine große Akustik und ein noch gravitätvolleres Tempo als Gratton veranschlagt, hier bekommen sie den Charakter von Demonstrationsstücken. Nicht gut bedient ist sie auch bei einigen Registrierungen, z.B. beim zweiten Satz der e-Moll-Triosonate, wo sie mit Staccatospiel des Basses versucht, dem Pedal die überschüssige Kraft der Principale  zu nehmen. Im letzten Satz der Triosonate, der plenumartig registriert ist, dominiert das Pedal samt Koppel dann restlos und führt die Kammermusikalität des Satzes ad absurdum. Demselben Fehler obliegt sie auch bei der Wiedergabe des ersten Duetts aus der dem III. Teil der Klavierübung, die allzu starke Registrierung lädt nicht zum Zuhören ein, eher zum Gegenteil. Staccatopedal ist auch beim populären Coloratuschoral „Nun komm, der Heiden Heiland“ aus den Leipziger Chorälen zu hören, bei „Vor deinen Thron tret‘ ich hiermit“ beweist sie aber, dass sie auch anders kann, zum Wohle der Musik.

Das Programm insgesamt ist leider ohne einen roten Faden gestrickt, diese Beliebigkeit korrespondiert mit der normalerweise hintergründigen Bedeutsamkeit Bachscher Kompositionen nicht. Auch sollte bei einer solchen CD die Vielfalt der Klangqualitäten der Ponitzer Orgel breit und abwechslungsreich vorgeführt werden, um das Instrument richtig würdigen zu können. Gratton hätte man zu ihrer Debüt-CD mehr Beratung gewünscht und natürlich auch ein Booklet mit vollständigen Informationen.

Rainer Goede - für www.orgel-information.de
September 2016 / März 2017


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