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Musik im Namen Luthers

Autor: Konrad Küster
ISBN: 978-3-7618-2381-1
Verlag: Bärenreiter/Metzler


Nichts weniger als einen neuen, dabei längst überfälligen und bisher nur in wenigen anderen Arbeiten gepflegten Ansatz von Geschichtsschreibung unternimmt hier der Freiburger Musikgeschichtler Konrad Küster, breit bekannt geworden durch seine Veröffentlichungen zur Orgelkultur in den Marschen.

„Kulturtraditionen seit der Reformation“ neu zu sehen sind im Lutherjahr nicht nur en vogue, sondern geradezu notwendig, ist doch die bisherige Musikgeschichtsschreibung nach wie vor gefangen im Editionswesen von Gesamtausgaben aus partiellen Quellen und auf der andere Seite von lokalen Ortsbeschreibungen oder Beschreibungen von Gattungs-Entwicklungen, ohne den zwingenden Zusammenhang von sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen, von landschaftlichen theologischen und musikpraktischen Entwicklungen wirklich deutlich herauszustellen. Da kann auch Küsters Arbeit nur ein Guckloch in die regional so unterschiedliche Vergangenheit bieten! Dennoch bietet seine Arbeit wesentliche Einblicke: beispielsweise rückt er zurecht, dass Luthers Reformation nicht plötzlich eine singende Gemeinde in Sachsen gerieren konnte, hierfür brauchte es vielmehr Jahre und Jahrzehnte. Schließlich konnte ja kaum einer die neuen Gesangbücher - die ganz dem freien Markt der Drucker unterlagen, deswegen auch nicht in flächendeckender Auflage erschienen - lesen, vom Notenlesen und Singen  (heute nicht so ganz anders) ganz zu schweigen. Was blieb also, als dafür Schulen zu bilden, die auch gleich die Aufgabe übernehmen konnten, lutherischen Glauben und Humanismus nachhaltig zu lehren und weiter zu tragen. Küster fragt dabei gleichzeitig nach der Motivation der zuständigen Kantoren, waren diese doch häufig nur wartende oder verhinderte Pfarrer, denen ein höherer Lebensstandard zugestanden wurde.

Wann jemand schließlich vom Musikmachen leben konnte, hing ja nicht vom eigenen guten Willen ab, sondern von der damaligen Ständegesellschaft: wo war eine junge Witwe und damit eine Stelle aktuell frei (auch das ist heute nur unwesentlich anders), dazu eine spielbare Orgel. So galt es, die praktischen Möglichkeiten den evolutionären jungen Geistern gegenüberzustellen, was sich bei Küster gut liest und so manches Geschehen in den ersten drei lutherischen Jahrhunderten erhellt. Den bewahrenden Strömungen mit dem Kanon des „Florilegium Portense“ des Erhard Bodenschatz (auch er nur drei Jahre Kantor in Schulpforta, dann Pfarrer), den mörderischen Geschehnissen des Dreißigjährigen Krieges, bzw. der Orgelevolution im unberührten Norddeutschland und Dänemark, Aufklärung und Pietismus ist da so manchmal mehr geschuldet als dem Erfindergeist lutherischer Kantoren und Organisten, die wie Bach ihre schöpferische Freiheit einer bevormundenden Obrigkeit erst abringen mussten. Oder war diese Freiheit eher ein Refugium, ein Refugium, aus dem sich trotzdem Neues entwickelte und so manches Mal auch durchsetzte wie bei Hammerschmidt und Crüger?

Die Zeiten sind darüber weggegangen, über die höfische Musik, über die bürgerliche Oper in Hamburg und ganz schnell über die in Leipzig, über die orgel- und kantatengeprägten Gottesdienste, später auch noch über die „Genies“ vom Schlage eines Mozart oder Beethoven, und schließlich über die gut gemeinten Lehrerorganisten, was deutlich macht, auch heute wird nur im Rahmen des Möglichen Musik gemacht. Das Mögliche war damals liturgisch geprägt, von der Obrigkeit geschützt oder verworfen, von der Theologie eifersüchtig beobachtet und zänkisch hin- und hergeworfen.

Was Küster nicht mehr schreibt: heute ist das musikalisch Mögliche noch mehr wesensfremden Einflüssen unterworfen, nahezu ausschließlich kommerziell geprägt. Aber wen interessiert das? Musik im Namen Luthers? Ein Buch zum Nachlesen und vor allem zum Nachdenken, ein Buch, das mit der bloßen Aufzählung von Geschichte nicht nur berichtet, sondern auch mahnt, ein Buch, dringend jedem in die Hand empfohlen!

Rainer Goede - für www.orgel-information.de
November 2016 / Mai 2017


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