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German Romantic Composers

Interpret: Marco Limone
EAN: 8051770160366
Label: Elegia


Manchmal fallen dem Musikfreund Aufnahmen in die Hände, bei denen man zunächst denkt, dass hier eigentlich nichts schief gehen kann, sondern es sich um eine erfreuliche neue Sicht auf die vermeintlich üblichen Orgel-Porträts mit romantischer Musik handelt. So auch hier: ein italienischer Organist, Marco Limone, spielt ausschließlich deutsche Romantiker auf einer kleineren italienischen Basilika-Orgel. Die verwendete Orgel von Carlo Vegezzi Bosi wurde 1914 erbaut, zuletzt in den Jahren 2007/2008 renoviert und besitzt 23 Register. Dabei spannt Limone den musikalischen Bogen von der Frühromantik eines Felix Mendelssohn oder Robert Schumann bis zum Spätromantiker und Expressionisten Sigfried Karg-Elert. Hervorzuheben ist auch, dass sich Limone nicht ausschließlich die üblichen romantischen „Gassenhauer“ wie die 6. Orgelsonate von Mendelssohn oder eine der Choralphantasien Max Regers ausgewählt hat, sondern ausnahmslos eher kleinere Werke, die selten in der vorliegenden Art als Überblick über die deutsche Romantik der Orgelliteratur zusammengestellt sind. Mit den 4 Skizzen für den Pedalflügel kann aber auch Marco Limone nicht gänzlich auf ein bereits sehr oft eingespieltes Werk Schumanns verzichten. Schade.

Entsprechend dem leider zunehmenden Trend, aus vermeintlicher Umweltfreundlichkeit auf ein ordentliches Jewel-Case zu verzichten, kommt das Album immerhin noch als Digi-Pack mit einer Kunststoffhalterung für die CD, sodass die kratzerfreie Entnahme gewährleistet ist. Weniger schön ist, dass bei der CD-Herstellung offenbar nicht die höchsten Standards galten. Jedenfalls hat die CD am äußeren Rand zwei deutliche Stellen, an denen die silberne Reflexionsschicht fehlt. Das beigefügte Booklet ist in Englisch und Italienisch verfasst. Es bietet einen Überblick über die Aufnahmedaten, die Disposition der Orgel, einen Aufsatz zu den Werken und einen Abschnitt zum Organisten. Ein Überblick zu den jeweils verwendeten Registrierungen fehlt leider völlig.

Am wichtigsten ist bei einer Aufnahme natürlich der Klang und die Qualität der Interpretation. Aus technischer Sicht kann die Aufnahme leider nicht überzeugen. Der Klang ist diffus, es klingt, als ob Orgel und Mikrofone sehr weit auseinander standen und insgesamt ungünstig platziert waren. Auch ist bei Wiedergabe über ein sehr hochwertiges Lautsprechersystem die deutlich wahrnehmbare Windversorgung und bei dem Preludium und Choral zu „Herzlich tut mich verlangen“ von Johannes Brahms fallen deutlich wahrnehmbare Trakturgeräusche negativ auf. Das erstaunt, da die letzte Renovierung zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade einmal 6 Jahre zurücklag. Leider erweist sich auch die Orgel als keine gute Wahl für die eingespielten Werke, auch wenn die Idee, deutsche Romantik auf einem zeitgenössischen Instrument eines italienischen Orgelbauers zu Gehör zu bringen, hervorzuheben ist. Die Orgel ist für deutsch-romantische Komponisten sehr kompromissbehaftet. Wer einmal den unvergleichlichen Schmelz der Streicher und Prinzipale einer Orgel von Friedrich Ladegast gehört hat, wird sich über die vergleichsweise ausgeprägte Schärfe der Prinzipalregister der Bossi-Orgel im Diskant bei Mendelssohn und Schumann die Augen reiben. Auch die ab und an von Herrn Limone verwendeten Mixturen wirken nicht wie eine edle Klangkrone, sondern schreien. Speziell die sinfonischen Werke von Max Reger leben von einer teilweise sehr ausgeprägten Blockdynamik, bei der vom Pianissimo zum Fortissimo gewechselt wird. Bei der Improvisation, die aus der 2. Orgelsonate ausgewählt wurde, merkt man leider, dass die Bossi-Orgel mit Reger-Sinfonik absolut überfordert ist. Es fehlt nicht nur die leicht „morbide“ Grundtönigkeit einer großen sinfonischen Orgel von E. F. Walcker oder Wilhelm Sauer, sondern auch die für Reger unverzichtbaren gravitätischen Zungen in 16‘ und 32‘-Lage. Dasselbe gilt in gleicher Weise für den Marche triomphale „Nun danket alle Gott“ op. 65 von Karg-Elert. Bei beiden Sinfonikern zeigt sich auch ein weiteres Grundproblem der von Marco Limone gewählten Interpretation: die Tempi sind mitunter zu hoch gewählt. Deutsch-romantische Orgelsinfonik muss atmen, jeder Ton muss spürbar sein. Hier klingt der Reger bspw. regelrecht gehetzt und nicht aufgewühlt und emotional überwältigend.

Schade. Alles in allem kann die gute Idee einer anderen Sichtweise auf die deutsche Orgelromantik insgesamt in der Umsetzung nicht überzeugen. Es bleibt zu wünschen, dass die sympathische kleine italienische Orgel ihre wahren Stärken mit den mehr „verspielten“ Werken italienischer Komponisten bei einer zukünftigen Einspielung zeigen darf. Denn dass diese Orgel auch Emotion kann, dass zeigt die in der Cantilène aus Rheinbergers 11. Orgelsonate wunderbar klagend als Solostimme eingesetzte Oboe mit Tremulant.


Heiko Andersch - für www.orgel-information.de
Januar / August 2018


Diese CD ist im gut sortierten Buch-/Musikhandel erhältlich
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